Uso Da
Eine alternative Realität zu Haibane Renmei
Kapitel 21: Washi
Kuramori wirkte leicht überrascht. "Ja, Rakka, das war mein Name... vor einigen Jahren. Aber... woher weißt du das?"
Rakka stammelte: "Das Gemälde... in Rekis Atelier. Dort steht ein Gemälde von Ihnen."
"Ah, richtig", sagte Kuramori, während sie Rakkas Handflächen behutsam mit einem feuchten Tuch säuberte. "Ich erinnere mich daran, für Reki Modell gesessen zu haben. Das hat ein paar Tage gekostet", lachte sie leise. "Sie ist echt begabt als Künstlerin, nicht wahr?"
"Und ob! Sie hätten sehen sollen, was sie in ihrer..." Rakka stutzte. "Moment mal, Sie erinnern sich an Reki?"
Kuramori nickte. "Ja, es wurde mir erlaubt, meine Erinnerungen an sie zu behalten." Sie riss ein Stück Watte von einem größeren Bausch ab, goss ein wenig Desinfektionsmittel darauf und tupfte dieses auf Rakkas Hände. "Das war sehr edelmütig von dir, was du für sie getan hast, und auch für Nemu."
Rakka war von diesen Worten auf seltsame Weise peinlich berührt. "Ich hatte den Eindruck, wir in Old Home hätten sie im Stich gelassen." Rakka dachte einen Moment lang nach. "Oh! Es tut mir leid, ich wollte damit nicht andeuten..."
"Schon gut, das macht nichts. Ich könnte verstehen, wenn du wirklich so empfinden würdest", antwortete Kuramori. "Es ist kein einziger Tag vergangen, an dem ich meine Entscheidung nicht ein kleines bisschen bedauert hätte. Jedenfalls bis gestern." Kuramori lächelte.
"Ihre Entscheidung?" fragte Rakka.
Kuramori streckte Rakka ihre offene Handfläche entgegen. Sie war mit Narben übersät, etwa so, wie Rakka sich ihre eigenen Hände in der Zukunft vorstellte. "Hier", sagte sie und klopfte leicht auf ihr Bett, "setz dich dort hin, bis ich damit fertig bin."
Rakka tat wie geheißen, und Kuramori verband ihre Hände mit Leinen und Mull. "Ich habe einen Fehler begangen. Ich habe Reki versprochen, dass ich sie nie verlassen würde... aber genau das ist es doch, was Haibane eigentlich tun sollen. Ich dachte, sie würde es verstehen, wenn sie älter ist. Aber ich habe nie mit ihr über den Tag des Abflugs geredet, weil ich Angst hatte, sie würde denken, ich hätte sie angelogen. Damit habe auch ich sie im Stich gelassen... und das war wohl einer mehr, als sie verkraften konnte."
Rakka nickte. Sie versuchte, die ganze Geschichte so gut wie möglich sowohl aus Kuramoris als auch aus Rekis Perspektive zusammenzusetzen.
Kuramori war noch mit Rakkas Händen beschäftigt. "Und dann brach das Nest in den verfallenen Baracken auseinander. Es war nie besonders groß gewesen, doch offenbar wurden kurz nacheinander mehrere der Jungs dort sündengebunden, und als diese verschwanden, schaukelte der Effekt des Gedächtnisverlustes sich auf."
"Sie meinen, es gibt in Guri noch ein weiteres Nest?"
"Es gab eines. Heute existiert es nicht mehr. Alle... überlebenden Haibane wurden auf die anderen Nester verteilt. Es war fast wie eine Seuche. Es musste gestoppt werden, und zwar schnell. Deshalb ging ich zur Mauer und löschte meine Tafel aus."
Rakka lächelte. "Das war sehr edelmütig von Ihnen, Senpai."
Kuramori lachte. "Edelmütig? Es war die größte Dummheit meines Lebens! Es hätte mich beinahe umgebracht. Ich war ohnehin schon nicht die gesündeste Haibane von ganz Guri. Ich war wochenlang völlig hilflos; ein Glück, dass Washi mich gefunden hat, sonst hätte ich das nicht überlebt."
Rakka warf einen düsteren Blick in Richtung Hof. "Haben alle Tempelarbeiter das durchgemacht?"
"Oh nein", sagte Kuramori und schnitt den überschüssigen Mull mit einer Schere ab. "Du und ich, wir sind die Ausnahme. Die anderen Diener hier sind ehemalige Haibane, die ihren Status freiwillig aufgegeben haben, um Touga werden zu können. Nein, was wir beide getan haben, ist ganz bestimmt nicht üblich... aber es ist gelegentlich unvermeidlich."
"Touga? Also daher kommen die..." dachte Rakka laut. "Aber was wird dann aus uns? Werden wir auch Touga?"
Zum ersten Mal wirkte Kuramori echt überrascht. "Du meinst, Washi hat dir nichts gesagt?"
"Nein."
Kuramori runzelte ihre Stirn. "Er scheint langsam dement zu werden, sein Verhalten wird immer widersprüchlicher... Sag mal, hörst du ab und zu diese Stimme, die dir verborgene oder noch nicht geschehene Ereignisse mitteilt?"
Rakka nickte.
"Das ist die Mauer. Sie spricht zu dir. Mit der Zeit wirst du lernen, dich mit ihr zu unterhalten, wenigstens ansatzweise. Die Mauer spricht oft in Rätseln und sie enthüllt auch nicht immer alles, was sie weiß."
Rakka begriff es immer noch nicht. "Ich kann also mit der Mauer reden..."
"Ja. Das ist es, was Kommunikatoren tun. Ich bin Washis Deshi, sein Lehrling. Wenn er fortgeht, dann werde ich Kommunikator werden. Und dann werde auch ich einen Lehrling brauchen", sagte Kuramori und deutete mit dem Finger auf Rakka. "Und das wirst du sein."
Kuramori verstaute ihre medizinische Ausrüstung wieder. "So, als Senpai sage ich dir hiermit, dass du deine Pflichten eine Woche lang ruhen lassen wirst, bis diese Wunden verheilt sind. Du kannst in deinem Zimmer bleiben oder dich im Tempel bewegen, wie du möchtest. Aber keine manuelle Arbeit, sonst sorge ich dafür, dass Washi dir eine Standpauke hält, die sich gewaschen hat. Haben wir uns verstanden?"
Rakka nickte; sie war immer noch fassungslos und verwirrt. Sie konnte sich nicht vorstellen, selbst einmal Kommunikator zu werden, mit den Touga zu reden, die Maske mit dem Sichtschutz zu tragen...
"Da ist noch etwas, was du wissen solltest", sagte Kuramori. "Lehrlinge tauchen zu ungewöhnlichen Zeiten auf. Man kann den Zeitpunkt nicht vorhersagen - abgesehen davon, dass sie im Zusammenhang mit einer sündengebundenen Haibane entstehen. Manchmal vorher, manchmal nachher. Niemand außer der Mauer weiß es mit Sicherheit. Doch der jeweils aktuelle Kommunikator verlässt seinen Posten nicht, bis seine Nachfolge geregelt ist. Washi ist alt, und viele Jahre lang hatten wir keinen neuen Kokon. Das war ein Teil des Problems..." Ihre Stimme verebbte. "Ich habe Nemu für die wahrscheinlichste Kandidatin gehalten, so verständnisvoll und spirituell wie sie ist. Und gewisse andere Leute dürften das ähnlich gesehen haben..."
"Wollen Sie damit sagen, dass... einer von uns beiden für eine lange Zeit Kommunikator sein könnte?"
"Möglich wäre es. Aber nach dem, was ich gesehen habe und was die Mauer mir erzählt, werden wir in nächster Zeit eine Menge Kokons bekommen. Die Welt da draußen verändert sich..."
Ihre Worte trösteten Rakka kaum. Kuramori bemerkte dies und fuhr fort: "Es ist doch gar nicht so schlimm, oder? Wir können Leute von außerhalb der Mauer treffen. Wir können erfahren, was außerhalb von Guri ist." Kuramori deutete auf ihre kleine Büchersammlung - Werke, die den Zensurdurchgang der Renmei nicht bestanden hatten. "Und das Wichtigste: Wir können Haibane helfen, die sich in Not befinden."
"Aber was passiert danach? Ich meine, wenn ein Kommunikator fortgeht? Was wird aus uns?"
Kuramori dachte einen Augenblick nach. "Ich sorge dafür, dass Washi es dir erzählt. Schließlich ist es bald soweit."
Rakka verbrachte die nächsten Tage als Rekonvaleszentin. Während sie im Tempel umherging, bemerkte sie, wie die Bediensteten - ohne ihre Stimme zu verwenden oder ihr Gesicht zu enthüllen - in der Lage waren, reibungslos zusammenzuarbeiten. Es war ähnlich wie in Old Home, auch wenn Rakka sich einsam fühlte, da sie bislang nur mit Kuramori reden konnte. Keiner der anderen Bediensteten hatte sich ihr offenbart, und ihr als der Jüngsten erschien es nicht angemessen, selbst den ersten Schritt zu machen.
Sie war gerade beim Mittagessen, als sie die Mauer zu ihr sprechen hörte.
Die beiden Kokons in Old Home schlüpfen aus.
Dies munterte sie fürs Erste auf. Sie stellte sich vor, wie Hikari, Kana und Reki - vielleicht auch Nemu? - mit den Neugeborenen alle Hände voll zu tun haben würden. Hikari würde sich mit dem Hervorbrechen von nicht nur zwei, sondern gleich vier Flügeln herumschlagen dürfen (Rakka grinste bei diesem Gedanken), aber zum Glück würde ihr eine zuverlässige und erfahrene Assistentin zur Seite stehen.
Drei Tage später sprach die Mauer erneut zu ihr: Die Neugeborenen nähern sich dem Tempel. Rakka zog sich in ihr Zimmer zurück, um das Schauspiel aus der Ferne zu beobachten.
Hikari, Reki - und Nemu! - begleiteten die beiden jungen Haibane zur Mitte des Innenhofs. Die Zwillinge wurden ihrem Namen gerecht: Beides Mädchen, etwas größer, als Kuu gewesen war, beide schwarzhaarig und mit olivbrauner Haut. Nemu war erkennbar wieder zu Kräften gekommen, wenngleich sie für ihre Größe ziemlich schlank wirkte. Das Funkeln in Rekis Augen war selbst auf diese Entfernung zu erkennen.
Washi hielt den beiden Kindern einen Vortrag über irgendwas, doch Rekis ironischem Grinsen war zu entnehmen, dass es um nichts Wichtiges gehen konnte. Seltsamerweise schien Washi die beiden Kinder zu entlassen, die drei älteren Haibane aber zurückzuhalten.
Rakka erkannte ihre Chance. Sie setzte Maske und Hut auf und eilte die Treppe hinunter in der Hoffnung, ihr Erscheinen würde niemandem auffallen. Sie ging zum Ausgang des Tempels und wartete dort, bis die drei älteren Haibane das Tor erreichten.
Keine der dreien beachtete sie, aber alle warteten geduldig, bis sie und Dritter ihre Flügelglöckchen entfernt hatten. Die Haibane verließen den Tempel, doch Rakka blieb am Eingang stehen und lauschte konzentriert, als sie sich entfernten.
Reki gab Hikari einen Klaps auf die Schulter. "Gut gemacht! Zwei neue Bewohner für Old Home, und du hast diesmal nicht mit der Wimper gezuckt!"
"Dafür tun mir beide Daumen weh, in die sie mich gebissen haben", klagte Hikari und stellte die deutlich erkennbaren violetten Blutergüsse zur Schau. "Einer an jeder Hand. Bist du sicher, dass man das so macht?"
Reki lachte.
"Außerdem könnte ich ein bisschen mehr Hilfe brauchen, jetzt wo Rakka nicht mehr da ist." Sie wandte sich zu Nemu. "Wann gedenkst du wieder bei uns einzuziehen?"
Nemu schien der Frage ausweichen zu wollen. "Ich denke, du und Kana, ihr zwei habt alles gut unter Kontrolle..."
"Kana?" gab Hikari unwirsch zurück. "Was tut die denn, außer die Kleinen einzuschüchtern?"
Ihre lebhafte Körpersprache gab zu erkennen, dass das Trio in eine lebhafte Unterhaltung verwickelt war, doch Rakka konnte diese nicht mehr hören, und sie würde nie mehr an ihr teilnehmen können. Die Stimmen verklangen in der Ferne, und schließlich waren auch die Gestalten nicht mehr zu sehen. Rakka riss sich vom Tor des Tempels los und kehrte zurück in ihr Zimmer, um ihre Gesichtsmaske von den Tränen zu trocknen.
Eine Woche darauf wurde der Grund für Nemus Zurückhaltung offensichtlich.
Rakka hatte geschlafen, als die Mauer erneut zu ihr sprach. Reki, kleine Trittsteine. Nemu, blühender Seidenbaum. Kinder der Mauer, lebt wohl.
Das Bild von Reki und Nemu, die Hand in Hand auf dem Altar in der Nähe des Westwaldes standen, blitzte in Rakkas Geist auf und wurde ersetzt von einer blendend hellen Verklärung und dem Klang der freudig singenden Mauer, die sich über den Chor der Krähen erhob. Dann war alles still.
Augenblicke später klopfte es an ihrer Tür. Kuramori trat ein, gekleidet wie üblich und mit ihrer Maske.
"Es ist soweit", sagte sie.
Die Bediensteten standen aufgereiht in der Nähe des Pavillon im Innenhof. Washi hatte auf einem reich verzierten Eichenstuhl Platz genommen. Kuramori und Rakka trafen als Letzte ein; Rakka nahm ihren Platz am Ende der Reihe ein, während Kuramori an Washis rechter Seite stand.
Washi erhob sich, entfernte Maske und Kapuze und enthüllte ein faltiges, bleiches Gesicht, das von langen, silbergrauen Locken umgeben war. Seine smaragdgrünen Augen glänzten voller Freude.
Alle übrigen Bediensteten, einschließlich Kuramori, setzten ebenfalls ihre Masken und Kapuzen ab. Rakka tat es ihnen gleich. Ihre ranghöheren Kollegen waren augenscheinlich von unterschiedlicher Herkunft: Die meisten von ihnen hatten schwarzes oder braunes Haar, darunter auch Dritter, aber Fünfter hatte rote Haare und Sommersprossen, und Zweiter war dunkelhäutiger als die anderen. Sie sahen einander nicht an, sondern hielten ihren Blick auf Washi gerichtet. Rakka gab sich alle Mühe, dasselbe zu tun.
Washi erhob sich. "Am heutigen Tage verlasse ich euch alle, nach vielen Jahren im Dienst für diese Stadt und die Haibane Renmei. Von nun an werdet ihr den Anweisungen des neuen Kommunikators Folge leisten, so wie ihr bisher meinen Anweisungen treu gefolgt seid. Seid nicht beunruhigt darüber, dass sie der erste weibliche Kommunikator dieses Tempels ist. Die Welt außerhalb dieser Mauern wandelt sich. Sie hat sich diese Position durch Gehorsam und Opferbereitschaft redlich verdient. Ich trete meinen Platz mit Freuden an sie ab."
Nach diesen Worten gab er Kuramori einen Wink, und diese nahm Platz. Zu Rakkas Überraschung begannen die übrigen Bediensteten und sogar Washi, ein kurzes Lied zu singen, das Rakka nicht kannte; danach brachen sie in Beifallsrufe aus, umringten ihre neue Anführerin und gratulierten ihr mit Händeschütteln, Umarmungen und Lächeln.
"Nun folgt meine letzte Amtshandlung", sagte Washi und zog einen Satz feiner Nadeln und etwas Farbstoff hervor. Nachdem sich die Bediensteten zurückgezogen hatten, säuberte Washi eine der Nadeln mit Alkohol und tauchte sie anschließend in die rote Farbe.
"Auf diesen Teil könnte ich gerne verzichten", meinte Kuramori. Die anderen Bediensteten lachten.
"Jetzt komm schon, du hast immerhin die Lange Nacht im Inneren der Mauer überstanden. Dagegen ist das hier doch ein Klacks", sagte Washi lächelnd. Er rieb ihr Gesicht rund um ihre Wangen mit Alkohol ein und begann damit, die drei parallelen Linien eines Kommunikators dort einzutätowieren.
Es herrschte eine geradezu heitere Stimmung, die Rakka an den Markt vor dem Fest zum Jahresende erinnerte. Die Bediensteten redeten durcheinander und machten Witze; einige von ihnen stellten sich Rakka vor - sie behielten zwar ihre numerischen Titel bei, aber sie erzählen kurz, aus welchem Nest sie stammten und wie lange sie schon im Tempeldienst tätig waren. Becher mit einem warmen, würzigen Trank wurden ausgeteilt - Washis protestierte: "Das hier ist doch schon so schwierig genug", doch Kuramori nahm ihren Becher dankend an. Das Getränk schien Alkohol zu enthalten, denn Dritter goss Rakka nur ganz wenig in den Becher und meinte: "Für dich reicht das allemal." Rakka wurde rot vor Scham.
Während Washi mit der Anbringung der Markierung fortfuhr, näherte sich Rakka ihm und fragte: "Und was haben Sie als Nächstes vor?"
Washi räusperte sich. "Ich werde noch ein paar Leute besuchen gehen", sagte er und blickte Rakka an. "Einige davon kennst du - Oyakata, Sumika..." Er hielt inne. "'Kommunikatoren sind nun mal sehr von sich überzeugt', nicht wahr?" Er gab ein glucksendes Lachen von sich. "Wir werden sehen. Ein paar der anderen Leute kennst du noch nicht, wirst sie aber in der Zukunft schätzen lernen. Und dann werde ich meinen letzten Gang in den Westwald antreten."
Rakka riss die Augen auf. "Sie wollen sich hier zur Ruhe setzen? In einem dieser Häuser?"
Washi blickte sie spöttisch an. "Du irrst dich. Ich werde zu den Ruinen gehen. Und dort werde ich meinen Tag des Abflugs erleben."
Rakka blickte zu Kuramori, die lächelte - und dann zusammenzuckte, als Washi ihr den nächsten Nadelstich versetzte. Sie hatte ihren Tag des Abflugs also gar nicht verloren...!
Fast zwei Stunden waren vergangen, als Washi zurücktrat, seine Arbeit begutachtete und sagte: "Es ist vollbracht." Die Bediensteten klatschten, inklusive Rakka. Kuramori lächelte und errötete womöglich, doch aufgrund ihrer roten, leicht angeschwollenen Wangen war dies schwer festzustellen.
Kuramori stand auf, und Zweiter und Dritter brachten ihr eine neue Kombination aus Robe und Flügeln. Während sie sich umkleidete, nahm Washi etwas Desinfektionslösung und reinigte damit die Innenseite seiner alten Maske. "Mein Zugeständnis an moderne Zeiten", sagte er, womit er allgemeine Heiterkeit hervorrief. Rakka betrachtete den seltsamen Gesichtsschutz eifrig, konnte aber keine Öffnungen für die Augen entdecken.
Als Washi seine Maske an Kuramori weiterreichte, ging Rakkas Neugier mit ihr durch. "Wie kann man denn da durchschauen?" fragte sie.
Washi und Kuramori zögerten einen Moment und sagten dann im Chor: "Das wirst du schon noch herausfinden."
Kuramori schob ihre neue Maske vor das Gesicht, und alle Tempelbediensteten taten es ihr gleich. Auch Rakka beeilte sich, ihre Maske aufzusetzen. Dann nahm Kuramori von Washi den Kommunikator-Stab entgegen. Sie stieß damit zweimal auf den Boden, und ihre Bediensteten stellten sich wieder in einer Reihe auf. Auch Rakka nahm rasch ihre Position ein.
Washi sprach kein Wort mehr. Er nahm einen kleinen knorrigen Stab aus seinem eigenen Besitz und begann, den Pfad entlang zu gehen. Alles war still, als er das Tor öffnete und den Tempel verließ, ohne einen Blick zurück zu werfen. Das einzige, was zu hören war (und dies auch nur für Kuramori und Rakka), war die Stimme der Mauer:
Lebe wohl, alter Freund.
Die darauf folgenden Wochen brachten rasche Veränderungen für Rakka mit sich. Sie war nun Sechster, doch wie sie bald erfuhr, war sie zugleich Deshi, was bedeutete, dass sie Kuramori (die nun Washi war) bei vielen ihrer Aufgaben zu unterstützen hatte, und zwar zusätzlich zur ihren sonstigen Pflichten innerhalb des Tempels.
Anfangs beschränkte sich dies auf verschiedene Tätigkeiten in der Nähe des Tempels, doch Kuramori hatte ihr erzählt, dass Rakka sie zum nächsten Markttag am Großen Tor begleiten sollte. "Dort wirst du den Torwächter kennenlernen", hatte sie gesagt, "und wirst zum ersten Mal sehen, was jenseits der Mauer liegt. Aber bis dahin musst du bei deinen Handzeichen noch eine ganze Menge üben." Rakkas Herz machte einen Sprung, und sie arbeitete voll Begeisterung an der Verbesserung ihrer Fähigkeiten.
Als sie eines Tages neben Kuramori stand, sprach die Mauer erneut. Eine neugeborene Haibane nähert sich dem Tempel.
"Washi", signalisierte Rakka.
"Sprich, ich erlaube es", antwortete Kuramori.
"Hat Washi seinen Tag des Abflugs erlebt?"
"Ja, ich denke schon."
"Warum hat die Mauer mir nichts davon gesagt?"
Kuramori seufzte. "Manche Geheimnisse behalten Liebende für sich."
Rakka verstand nicht so recht, was sie meinte, doch in diesem Moment erreichte die neugeborene Haibane den Tempel.
"Bleib hier", flüsterte Kuramori. Dann sprach sie mit lauter Stimme: "Du bist eine Haibane. Was führt dich hierher?"
Die Neugeborene war offensichtlich zu Tode erschrocken und stand kurz davor, Hals über Kopf in Richtung des Tempeleingangs davonzulaufen.
Kuramori fuhr fort: "Du bist die Neugeborene, die ich hierher bestellt habe. Ist das richtig?"
Die Neugeborene versuchte, ihren 'Ja'-Flügel zu bewegen, doch es gelang ihr nicht. Stattdessen nahm sie ihre linke Hand zu Hilfe, um die Glöckchen zum Klingen zu bringen.
Rakka musste sich sehr zusammenreißen, um ein Lachen zu unterdrücken. Kuramori dagegen schien die Geste zu schätzen. "Komm in die Mitte des Gartens."
Die Neugeborene war klein, blond und hatte blaue Augen. Sie näherte sich zögernd, verunsichert und zitternd wie ein junges Rehkitz.
"Dein Name ist Suzume, ist das richtig?"
Suzume probierte es erneut und klingelte diesmal erfolgreich ein "Ja".
"Kameradin Suzume, heute heißen wir dich als Mitglied unserer Gemeinschaft willkommen. Als sichtbares Zeichen dafür geben wir dir dies hier", sagte Kuramori und überreichte ihr das rote Büchlein. "Es garantiert dir die Deckung deines Lebensunterhalts. Zum Ausgleich dafür musst du in dieser Stadt arbeiten..."
Rakka blickte sich um und sah den Hof, die Bäume, die Sonne, Kuramori, Suzume. Sie atmete die frische Luft tief ein. Sie war immer noch weit entfernt von ihrer Heimat, doch vorläufig hatte sie ein Zuhause gefunden.
"Zu deinem eigenen Wohl, zu dem deiner Kameraden und deiner jüngeren Mitbewohner musst du eine gute Haibane sein..."
ENDE